
Der Traum vom Fliegen wird wahr
Dädalus, ein berühmter griechischer Baumeister, baute für sich
und seinen Sohn Ikarus aus Federn und Wachs Flügel, um damit aus dem Gefängnis
des Königs Minos zu entfliehen. Ikarus, einmal in der Luft, wollte höher hinaus,
die Welt von oben betrachten; er kam der Sonne zu nahe, das Wachs schmolz, und
er stürzte ab.
Diese Sage, vom römischen Dichter Ovid (43 v. Chr. bis 18 n. Chr.) in epischer
Breite geschildert, charakterisiert die wesentlichen Antriebskräfte in der
Entwicklung der Flugtechnik: Verbesserung der Lebensbedingungen und der Drang,
die Erdgebundenheit zu überwinden und Träume zu verwirklichen. Ähnliche Sagen,
Mythen und Träume finden sich zu allen Zeiten und in allen Kulturkreisen.
Erste konkrete Entwürfe für Flugapparate, noch in Anlehnung an das Beispiel des
Vogels und der Fledermaus, stammen von Leonardo da Vinci (um 1500). G. A.
Borelli wies aber schon nach, dass der Mensch im Vergleich zum Vogel viel zu
wenig Muskelmasse hat, um jemals aus eigener Kraft fliegen zu können (Über die
Bewegung der Lebewesen, 1680).
Die ersten Luftreisen gelangen dann auch nach dem Prinzip "leichter als Luft",
mit Luftfahrzeugen also, die statischen Auftrieb erzeugen. Am 21. November 1783
stieg in Paris der erste, mit zwei Männern besetzte Heißluftballon der Brüder
Montgolfier in den Luftraum auf; am 1. Dezember folgte der Wasserstoffballon des
Physikers J. A C Charles. Ballone, meist prachtvoll bemalt, hielten im 19.
Jahrhundert durch spektakuläre Aufstiege das Interesse am Fliegen wach und
regten deren Weiterentwicklung zum lenkbaren Luftschiff an (Giffard 1852, Renard
und Krebs 1884, Santos Dumont 1901). Die
Ära des tatsächlich lenkbaren Luftschiffes begann mit dem ersten Aufstieg eines
Zeppelins am 1. Juli 1900 über dem Bodensee. Ferdinand Graf von Zeppelin hatte
ihn geschaffen. Die starre Struktur bestand aus dem einstmals exotischen
Leichtmetall Aluminium, das kurz zuvor durch ein neues elektrolytisches
Verfahren um den Faktor tausend billiger geworden und deshalb überhaupt
bezahlbar war.
Um 1909 erfand Alfred Wilm das Duraluminium, eine Kupfer-Magnesium-Legierung des
Aluminiums mit hoher Festigkeit, das zum Flugzeugwerkstoff schlechthin werden
sollte. Mit Zeppelin-Luftschiffen wurde um 1910 erstmals kommerzieller
Luftverkehr aufgenommen und in den dreißiger Jahren sogar ein regulärer
Luftverkehr über den Atlantik durchgeführt. Im Mai 1937 explodierte das mit
Wasserstoff gefüllte Luftschiff LZ 129 "Hindenburg" bei der Landung in Lakehurst
bei New York; 36 Passagiere fanden den Tod; das bedeutete das Ende der
Luftschifffahrt. Nur die so genannten Prall-Luftschiffe (Blimps) hielten sich
als Werbeträger am Leben.
Der dynamische Flug oder das Prinzip "schwerer als Luft"
Die vielfältigen Versuche, den Vogelflug nachzuahmen, mussten alle fehlschlagen;
zu komplex ist die so einfach und mühelos aussehende Bewegung des Vogels in
"sechs Freiheitsgraden", was es, technisch-physikalisch ausgedrückt, eigentlich
ist: Der freie Flug ermöglicht drei Bewegungsrichtungen in der horizontalen und
vertikalen Ebene und drei Rotationsbewegungen um die Längs-, Quer- und
Hochachse. Die Beherrschung dieser sechs Freiheitsgrade macht das Fliegen so
faszinierend, aber auch, neben der Erzeugung von ausreichend Auftrieb und
Vortrieb, so problematisch.
Der englische Gelehrte Sir George Cayley wies um 1809 den richtigen Weg. Er
trennte die Grundfunktionen des Fliegens - Auftrieb, Vortrieb und Steuerung - in
drei Einzelaufgaben auf und machte eine Prinzipskizze des Flugzeuges, in der z.
B. die Steuerungsflächen hinten liegen. Dennoch blieben die zahllosen Versuche
im 19. Jahrhundert noch ohne Erfolg (Stringfellow, Henson, Wenham und Maxim in
England; Le Bris, du Temple, Pénaud und Ader in Frankreich; Mozhaiski in
Russland).
Den Durchbruch zur Beherrschung des Gleitflugs schaffte Otto Lilienthal
(1848-1896). Von 1891 bis zu seinem tödlichen Absturz am 9. August 1896 gelangen
ihm mit ständig verbesserten Eindeckern und Doppeldeckern über 2 000 Gleitflüge.
Lilienthal hatte an der "Gewerbe Akademie" (jetzt Technische Universität) in
Berlin bei einem der renommiertesten Ingenieurwissenschaftler (Franz Reuleaux)
eine fundierte Ingenieurausbildung genossen und war das Flugproblem entsprechend
systematisch und experimentell-wissenschaftlich angegangen. Anders als in
England (Pilcher), Frankreich (Ferber) und den USA (Wright) wurden in
Deutschland seine Fortschritte wenig beachtet.
Vom Gleit- zum Motorflug
Die amerikanischen Brüder Wilbur (1867-1912) und Orville (1871-1948) Wright
schafften den Schritt zum ersten gesteuerten Motorflug. Am 17. Dezember 1903
erhob sich ihr Flugzeug, von Orville gesteuert, nach kurzem Anlauf auf einer
horizontalen Startschiene, mit eigener Motorkraft vom Erdboden und blieb zwölf
Sekunden in der Luft. Der vierte Flug an diesem Tag, von Wilbur gesteuert,
dauerte schon fast eine Minute. Auch die Arbeitsweise der Wrights zeichnete sich
durch ein außerordentlich systematisch-experimentelles Vorgehen aus. Der
Propeller und ein leichter Benzinmotor stammten ebenfalls von ihnen. Bis 1908
blieben die Wrightschen Flugzeuge allen anderen Konstruktionen weit überlegen.
In Europa machte der in Paris lebende Brasilianer Alberto Santos Dumont im
Herbst 1906 den ersten öffentlich beobachteten und anerkannten Flug. Die Wrights
und Santos Dumont flogen so genannte Entenflugzeuge. Das Höhensteuer liegt
hierbei vorn, während Tragfläche und Antrieb (eventuell auch das Seitensteuer)
hinten angebracht sind. Das ist zwar von der Effizienz her günstiger, aber bei
böigem Wind schwieriger zu fliegen. Durchgesetzt hat sich später das
hintenliegende Höhen- und Seitensteuer, das eine gewisse Eigenstabilität
lieferte.
Das Jahr 1909 ging mit mehreren Ereignissen in die Luftfahrtgeschichte ein: Am
25. Juli überquerte der Franzose Louis Blériot den Ärmelkanal, im August zeigte
der Flugtag in Reims erstmals einer breiten Öffentlichkeit, welche Möglichkeiten
das Flugzeug bot, und im September machte auch der erste Deutsche, Hans Grade,
auf einem selbstgebauten Flugzeug einen erfolgreichen Flug und gewann damit den
mit 40 000 Mark dotierten Lanz-Preis der Lüfte. Besonders die Militärs, auf die
Verwendbarkeit des Flugzeuges als Waffe aufmerksam gemacht, investierten in
zunehmendem Maße in die Entwicklung der Luftfahrtforschung und -entwicklung.
Forschungsanstalten entstanden in Deutschland (1909 die Aerodynamische
Versuchsanstalt AVA in Göttingen und 1912 die Deutsche Versuchsanstalt für
Luftfahrt in Berlin-Adlershof), in England (1912 das Royal Aeronautical
Establishment in Farnborough) und in Frankreich (Gustave Eiffel gründete 1909
eine Aerodynamische Forschungsanstalt in Paris). Die AVA wurde unter der Leitung
von Ludwig Prandtl zur Geburtsstätte der Aerodynamik. Kein Bereich der Technik
war, bedingt durch das Problem des Fliegens an sich und durch die (militärische)
Aufgabenstellung, so auf wissenschaftliche Forschung angewiesen wie die
Flugtechnik.
Mit Blick auf die Leistung der Flugzeuge des potentiellen Gegners - die
politischen Spannungen nahmen um 1910 bereits zu - wurden immer neue Rekorde in
Fluggeschwindigkeit, Flughöhe und Reichweite angestrebt. Hohe Preise, wie der
Kaiserpreis für den besten Flugmotor, stachelten den Ehrgeiz der Ingenieure an.
Typische Flugzeuge vor dem 1. Weltkrieg waren z. B. die österreichisch-deutsche
Rumpler Etrich Taube, ein Eindecker, der als das sicherste Flugzeug galt; die
französische Deperdussin mit 200 Kilometern pro Stunde das schnellste Flugzeug
und die russische viermotorige Sikorskij "Ilja Muromez" (1913), das größte (und
langsamste) Flugzeug. Igor Sikorskij wanderte in den zwanziger Jahren in die USA
aus, baute dort große Flugboote und erlangte später als einer der Begründer der
Hubschraubertechnik (deshalb Mr. Helicopter genannt) Weltruhm.
Der 1. Weltkrieg - das Flugzeug wird zur neuen Waffe
Im 1. Weltkrieg wurde das Flugzeug für spezielle Einsatzzwecke - als
Aufklärungs-, Angriffs-, Jagd- und Bombenflugzeug - weiterentwickelt, ohne
jedoch eine kriegsentscheidende Bedeutung zu erlangen. Die Leistungsfähigkeit
aller Teilsysteme - der Flugzeugzelle (aus Holz oder/und Metall), der Motoren
(Reihen-, Umlauf-, Sternmotor, wasser- oder luftgekühlt) und der Propeller nahm
drastisch zu.
Von nachhaltigster Auswirkung auf die Nachkriegszeit war der Aufbau einer
Luftfahrtindustrie, der für den Flugverkehr notwendigen Infrastruktur
(Flughäfen, Funkanlagen) sowie einer Luftfahrt Community (Gemeinschaft).
Arbeiteten vor dem Krieg nur wenige tausend in der Luftfahrt, waren es gegen
Ende des Krieges in Deutschland rund 190 000 und in Frankreich 300 000 Personen.
Über 200 000 Flugzeuge wurden insgesamt
produziert; am meisten in Frankreich (60
000), gefolgt von Großbritannien (58 000) und Deutschland (48 000). Man lernte
Riesenflugzeuge zu bauen (Dornier, Rohrbach, Handley Page, Short, Farman, Voisin,
Caproni) und, als besonders weitreichende Innovation, das Duraluminium für die
Ganzmetallbauweise einzusetzen (Junkers, Dornier und Rohrbach).
Typische Flugzeuge gegen Ende des Krieges waren die Jagdflugzeuge Fokker D VII
(Deutschland) und die britische Sopwith Camel oder als Bombenflugzeug die
zweimotorige britische Vickers Vimy.
In der Nachkriegszeit - Luftverkehr über die ganze Welt
Trotz der wirtschaftlichen Depression versuchte man nach dem 1. Weltkrieg
überall mit umgebauten Aufklärungs- und Bombenflugzeugen einen Luftverkehr
aufzubauen. Die Post bot sich als ideales Transportgut an. Briefe sind leicht,
und die schnelle Übermittlung einer Nachricht ist unter Umständen von
unschätzbarem Wert. Die erste nationale Luftverkehrsstrecke richtete die
Deutsche Luftreederei am 5. Februar 1919 von Berlin nach Weimar, dem Sitz der
Nationalversammlung, ein; die erste internationale Strecke wurde am 22. März
1919 von der französischen Lignes Aériennes Farman zwischen Paris und Brüssel
bedient. Fluggesellschaften schossen wie Pilze aus dem Boden und verschwanden
wieder, in Deutschland waren es zeitweise über dreißig.
1926 entstand aus sukzessivem Zusammenschluss mehrerer Gesellschaften die
Deutsche Lufthansa, die fortan die nationale Gesellschaft und auch zu einem
Instrument der Außenpolitik wurde. In anderen Ländern verlief der Prozess
ähnlich.
Waghalsige Piloten erschlossen mit abenteuerlichen Flügen über Meere, Gebirge
und Wüsten immer neue Luftstraßen, aus denen später die Highways des
Weltluftverkehrs wurden. Allein der Versuch, den Atlantik zu überqueren, kostete
in den zwanziger Jahren 19 Piloten das Leben. Den ersten Nonstopflug schafften
im Jahr 1919 die Briten Alcock und Brown mit dem Bombenflugzeug Vickers Vimy;
Charles Lindbergh flog am 20./21. Mai 1927 im Alleinflug nonstop von New York
nach Paris, und im April 1928 flogen schließlich Köhl, von Hünefeld und
Fitzmaurice in einer einmotorigen Junkers W 33 von Ost nach West über den
Atlantik.
Streamlining the Aircraft - neue Technik für den Luftverkehr
1919 brachte Hugo Junkers das erste echte Verkehrsflugzeug - die Junkers F 13 -
auf den Markt. Sie war ganz aus Metall, ein freitragender Tiefdecker und hatte
eine geschlossene Passagierkabine. Für den Passagierverkehr war ein Motor zu
unsicher; es folgten deshalb zwei- und dreimotorige Flugzeuge, so z. B. 1925 die
Junkers G 24, ebenfalls 1925 die Fokker F VII/3m und 1926 die Ford Trimotor.
Flugzeuge dieser Art bildeten bis Anfang der dreißiger Jahre das Rückgrat des
Luftverkehrs. Mit einer neuen Schalenbauweise, bei der die dünne Blechhaut einen
wesentlichen Teil der Kräfte aufnahm, konnten die Flugzeuge viel leichter und
strömungsgünstiger (d. h. weniger Luftwiderstand) konstruiert werden.
Neuartige Flugzeuginstrumente, wie Wendezeiger, Kurskreisel und künstlicher
Horizont, um 1930 eingeführt, erlaubten das Fliegen (mit Einschränkungen) auch
bei Nacht und Nebel und in den Wolken. Die Piloten hatten allerdings extreme
Schwierigkeiten, das eigene Gefühl zu vergessen und sich nur auf die
Instrumentenanzeige zu verlassen.
In den dreißiger Jahren wagten sich die Fluggesellschaften auch an die
Überquerung des Atlantiks. Diese Strecke zwischen der Alten und der Neuen Welt
bot den wirtschaftlich lukrativsten Einsatz des Flugzeuges. Die Lufthansa flog
mit Dornier-Flugbooten Post nach Südamerika, die PanAm, die damals größte
internationale Fluggesellschaft, wagte 1939 den Flug über den Atlantik mit
Passagieren, ebenfalls in (riesigen) Flugbooten. Ob das leichtere und
wirtschaftlichere Landflugzeug oder das schwerfälligere Seeflugzeug (das aber
notwassern konnte) das geeignetere und sicherere Atlantikflugzeug sei, war noch
ein Streitpunkt.
Im inneramerikanischen Verkehr konnte mit der zweimotorigen Douglas DC 3 bereits
ein eigenwirtschaftlicher Luftverkehr, in Europa noch ein Traum, betrieben
werden. Die DC 3 (Dakota) wurde 1936 in Dienst gestellt und mit circa 13 000
Stück zum meistgebauten Transportflugzeug der Welt.
In Deutschland wurde ab 1933 die dreimotorige Junkers JU 52 wegen ihrer
Robustheit und Zuverlässigkeit zum Standardflugzeug für zivile und militärische
Transportaufgaben.
Der 2. Weltkrieg - neue Dimension des Schreckens durch das Flugzeug
1933 übernahmen in Deutschland die Nationalsozialisten die Macht und
investierten in größtem Stil in die Luftrüstung. 1939, bei Ausbruch des Krieges,
verfügte die deutsche Luftwaffe über fast eben soviele Kampfflugzeuge wie alle
alliierten Mächte zusammen. Jagdflugzeuge, wie die Messerschmitt ME 109, und
Bombenflugzeuge, wie die Heinkel He 111 und die Junkers JU 88, dokumentierten
die technische Überlegenheit der Deutschen, die aber in den ersten Kriegsjahren
schnell von den Briten und Amerikanern eingeholt wurde.
Durch das Flugzeug erhielt der Krieg eine bis dahin nicht gekannte Dimension des
Schreckens. Bombenflugzeuge trugen den Krieg über die Fronten hinweg in das
Hinterland. Hunderttausende Zivilisten kamen in den Bombenangriffen ums Leben,
und unschätzbare Kulturgüter wurden zerstört.
Eine gigantische Produktionsmaschinerie entstand, vor allem in den USA, die
hauptsächlich die großen Bomber (z. B. die Boeing B 17) und Transportflugzeuge
(z. B. von Douglas) produzierten. Im Juni 1944 verließen pro Tag 16 B17 die
Fabrikanlagen von Boeing in Seattle.
Das Flugzeug mit Propeller-/Kolbenmotorantrieb stieß gegen Ende des Krieges
hinsichtlich Fluggeschwindigkeit und Größe an seine technischen Grenzen.
Beispiele für die Endstufe der Entwicklung sind die Jagdflugzeuge Focke Wulf FW
190, die britische Spitfire und die amerikanische Mustang, die
Höchstgeschwindigkeiten um 700 Kilometer pro Stunde erreichten.
Das Strahltriebwerk und eine neue Hochgeschwindigkeitsaerodynamik, die auch die
Effekte an der Schallmauer mit einbezog, vor und im Kriege schon entwickelt,
sollte die neue Ära der Luftfahrtgeschichte, das Jet-Zeitalter, ankündigen.
Nachkriegszeit - Weltluftverkehr mit Propeller- und Strahlflugzeugen
Während des Krieges war in Zusammenhang mit den gigantischen Transportaufgaben,
vor allem der Amerikaner, ein weltumspannendes Luftverkehrsnetz - mit
Flugplätzen, Funk- und Flugsicherungsanlagen - entstanden, das jetzt für den
zivilen Luftverkehr genutzt werden konnte. Viermotorige Transportflugzeuge, aus
Militärtransportern weiterentwickelt, wie die Douglas DC 6 und die Lockheed
Super Constellation, überflogen ab 1955 nonstop in routinemäßigem Verkehrsdienst
mit rund 90 Passagieren an Bord den Atlantik. Die Flugzeit betrug von Düsseldorf
nach New York rund 13 Stunden, die Reisegeschwindigkeit rund 500 Kilometer pro
Stunde. Die Druckkabine, in Langstreckenbombern erprobt, erlaubte einen ruhigen
Flug in großen Höhen über dem Wettergeschehen.
1957 überrundete der Passagier-Luftverkehr auf der Atlantikstrecke den
Schiffsverkehr. Die Gesamtzahl der Passagiere lag damals auf der
Nordatlantikstrecke über zwei Millionen. 1955, mit Erteilung der Souveränität,
durften auch in Deutschland wieder Flugzeugbau und Luftverkehr betrieben und die
Lufthansa wieder gegründet werden.
Das Strahlflugzeug löst das Propellerflugzeug ab
Ende der fünfziger Jahre drängten die ersten großen Jets - Boeing 707, Douglas
DC-8, De Havilland Comet IV, Tupolev Tu 104 - auf den Markt und lösten eine
Revolution im Weltluftverkehr aus. (Der erste Jet, die 1952 erstmals eingesetzte
britische Comet I, musste nach einer Unglücksserie wieder zurückgezogen werden.)
Keine Innovation hat auf die militärische und auf die zivile Luftfahrt einen
größeren Einfluss ausgeübt als das
Strahltriebwerk. Bedingt durch die
spezifische Bau- und Funktionsweise - nur drehende Massen und kontinuierlicher
aero-thermodynamischer Prozess - erlaubt das Triebwerk den Vorstoß zu viel
höheren Geschwindigkeiten (über zweifache Schallgeschwindigkeit) und Leistungs-
bzw. Größenklassen.
Das erste mit einem Strahltriebwerk angetriebene Flugzeug - die Heinkel 178 -
flog am 27. August 1939. Das Triebwerk He S3B hatte der Physiker Hans Joachim
Pabst von Ohain entwickelt.
Am 15. Mai 1941 flog auch in Großbritannien der erste Jet - die Gloster E 28/39
- mit einem Triebwerk des Militärpiloten und Ingenieurs Frank Whittle, der schon
1930 ein Patent angemeldet hatte.
Während des 2. Weltkrieges wurde das Strahltriebwerk zur Einsatzreife
entwickelt, kam allerdings nur in wenigen Kampfflugzeugen, wie der Messerschmitt
ME 262 und der Gloster Meteor, zum militärischen Einsatz.
Nach dem Krieg gewannen das Strahltriebwerk und die
Hochgeschwindigkeitsaerodynamik, getrieben durch den Rüstungswettlauf zwischen
Ost und West, rasch und gewaltig an Bedeutung.
Am 14. Oktober 1947 überschritt der Militärpilot Charles (Chuck) Yaeger mit
einem Experimental-Raketenflugzeug - der Bell X1 - zum ersten mal die
Schallmauer. Mitte der fünfziger Jahre erreichte das serienmäßige Kampfflugzeug
Lockheed F 104 (Starfighter), das später auch in der Bundesluftwaffe flog, im
Horizontalflug zweifache Schallgeschwindigkeit (rund 2 000 Kilometer pro
Stunde). Knapp 25 Jahre später (um 1969) flogen auch ein sowjetisches und ein
europäisches Verkehrsflugzeug - die Tupolev 144 und die französisch-britische
Gemeinschaftsentwicklung Concorde - zweifache Schallgeschwindigkeit. Seit 1976
fliegt die Concorde im regelmäßigen Luftverkehr zwischen Paris/London und
NewYork.
Von den "Happy Few" zum Massenluftverkehr
Das erste Großflugzeug der neuen Generation, schon in der äußeren Formgebung
durch den neuartigen Pfeilflügel charakterisiert, war der Stratosphärenbomber
Boeing B 47. Aus dieser Entwicklungslinie folgte dann auf militärischer Seite
der Bomber Boeing B 52, das wichtigste Flugzeug der amerikanischen strategischen
Bomberflotte, und auf ziviler Seite die Boeing 707, woraus die so überaus
erfolgreiche Reihe der Verkehrsflugzeuge der Firma Boeing folgte: die 727, 737
und das Großraumflugzeug, die 747.
Die neue Verkehrsflugzeugtechnik vervielfachte die Produktivität des
Verkehrsflugzeuges; diese ist gegeben durch Fluggeschwindigkeit,
Passagierkapazität und Einsatzverfügbarkeit. Schon die 707 erreichte nahezu
doppelte Reisegeschwindigkeit und doppelte Sitzplatzzahl (bis zu 180 gegenüber
90 der Propellerflugzeuge). Die Flugpreise sanken, und Wohlstand und Freizeit
wuchsen in den Industrieländern beständig an. Der Luftverkehr, Geschäftsreisen
und Flugtouristik, erlebten ab den sechziger Jahren einen Boom ohnegleichen. Die
Flugzeugindustrie antwortete mit Großraumflugzeugen: Boeing mit der 747 (heute
über 500 Sitzplätze), Douglas mit der DC 10 (225-380 Plätze) und Lockheed mit
der L 1011 Tristar (256-400). Das Projekt eines militärischen Großtransporters
(heute die Lockheed C-5 Galaxy) hatte allerdings den eigentlichen Anstoß dazu
gegeben.
Bedingt durch den gewaltigen Aufwand für die Rüstung und den riesigen
inneramerikanischen Markt erlangten die USA in wissenschaftlich-technischer und
wirtschaftlicher Hinsicht eine erdrückende Übermacht sowohl in der
Flugzeugentwicklung als auch im Luftverkehrsmarkt und zwangen so die Europäer,
wollten sie nicht vollends ins Hintertreffen geraten, zu einem immer weiter
gehenden Zusammenschluss in Forschung und Industrie.
Ende der sechziger Jahre entstand, mit dem Ziel, ein eigenes, europäisches
Großraumverkehrsflugzeug zu bauen, die Airbus Industrie. Am 18. Dezember 1970
wurde der Gesellschaftervertrag von der französischen SNIAS und der deutschen
Airbus GmbH unterschrieben. Später kamen noch die spanische CASA, die
holländische Fokker und die British Aerospace hinzu. Das erste Flugzeug, der
Airbus A 300 (Erstflug 1972), war das erste Großraumflugzeug mit nur zwei
Triebwerken und machte dadurch den amerikanischen dreistrahligen Flugzeugen
erfolgreich Konkurrenz. Der Notwendigkeit gehorchend, eine ganze Familie
anbieten zu können, folgten die kleineren Airbusse A 310 (1982), A 320/21/19
(1987) und die Langstreckenversionen A 330/340 (1991). Als revolutionäre, aber
auch umstrittene Innovation hielt mit der A 320 der nur mit einer Hand zu
bedienende "side stick" als Hauptsteuerorgan Einzug in das Cockpit von
Verkehrsflugzeugen und löste die traditionelle Steuersäule ab; die Betätigung
der Ruder und Klappen erfolgte nicht mehr über Drahtseile, sondern
ausschließlich über elektronische Signale (fly by wire). Zwischen den Firmen,
bzw. zwischen den USA und Europa, entspann sich ein brutaler Wettkampf, bei dem
weniger bessere Technik als vielmehr politische und wirtschaftliche Machtfragen
die entscheidende Rolle spielten - so geht es z. B. um die Grundfrage, inwieweit
der Staat direkt oder indirekt Entwicklungsprojekte unterstützen darf. Sowohl
die Luftverkehrsgesellschaften als auch die Herstellerunternehmen stehen vor
gewaltigen Investitionen, die kaum noch aus eigener wirtschaftlicher Tätigkeit
finanziert werden können, da auch der Staat durch Liberalisierungs- und
Deregulierungsgesetze massiv Einfluss ausübt und unvorhersehbare Risiken
verursacht.
Der Luftverkehr nimmt weiter zu, um 1990 waren es rund eine Milliarde Fluggäste
pro Jahr, um 2000 wird vermutlich die Zwei-Milliarden-Grenze überschritten. Auch
der reine Luftfrachttransport nimmt zu. Die Lufthansa, die 1972 den ersten
reinen Luftfrachter, eine 747, in Dienst stellte, zog Mitte der neunziger Jahre
rund 20 Prozent ihrer Einnahmen aus der Luftfracht.
Die Überfüllung der Flughäfen und deren Platzbedarf in der Nähe großer Städte
ist ein wachsendes Problem. Chicago muss z. B. über 60 Millionen Fluggäste pro
Jahr bewältigen, und in Frankfurt sind es rund 40 Millionen. Größere Flugzeuge,
mit mehr als 500 bis 600 Sitzplätzen, die zumindest die Zahl der Starts und
Landungen verringern könnten, werden bei Boeing und Airbus geplant (die Airbus
Industrie steht zudem noch unter dem Zwang, der Boeing 747 etwas
entgegenzusetzen, damit sie den Luftverkehrsgesellschaften eine komplette
Familie anbieten kann).
Ein wichtiges Teilsystem des Luftverkehrs ist der Regionalverkehr. Er bedient
Strecken kürzerer und mittlerer Länge und mit geringerem Passagieraufkommen.
Eine große Palette von Flugzeugen mit bis zu 100 Sitzplätzen und überwiegend mit
Propeller-/Turbinenantrieb wird hier eingesetzt.
Andere Bereiche der Luftfahrttechnik
Hubschrauber erlauben gefahrlosere senkrechte Starts und Landungen, das war von
Anfang an ein Ziel der Flugpioniere (da Vinci, Cayley). Der Spanier de la Cierva,
die Deutschen Focke/Achgelis und Flettner und besonders der Russisch-Amerikaner
Igor Sikorskij haben dem Hubschrauber in den dreißiger und vierziger Jahren zum
Durchbruch verholfen. Heute spielt der Hubschrauber vor allem militärisch und im
Rettungs- und Polizeidienst eine große Rolle.
Die "allgemeine Luftfahrt" umfasst vor allem die Luftfahrt mit ein- und
zweimotorigen Sport- und Geschäftsreiseflugzeugen, aber auch in der
Landwirtschaft, im Luftbild- und Vermessungswesen. Die Typenvielfalt ist
unübersehbar. Die allgemeine Luftfahrt macht zahlenmäßig den weitaus größten
Teil der Flugbewegungen aus.
Segelflug ist Fliegen in seiner schönsten Form. Deutschland hat bei
Segelflugzeugen eine Führungsposition erlangt. Nach den Kriegen war es hier
verboten, sich mit Motorflug zu beschäftigen, weswegen sich Ingenieure,
Wissenschaftler und Piloten auf den Segelflug konzentriert haben. Der Vampyr,
das erste Hochleistungssegelflugzeug (Erstflug 1921), und der Phönix, das erste
Vollkunststoff-Flugzeug der Welt (1957), sind Beispiele für innovative
Nachkriegsentwicklungen.
Die Militärluftfahrt, d. h. die Entwicklung von strategischen Bombern,
überschallschnellen Jagdflugzeugen und Jagdbombern, nicht zuletzt auch von
Lenkflugkörpern und Interkontinentalraketen und Raumfahrzeugen, hat nach dem 2.
Weltkrieg unvorstellbare Investitionen in Forschung und Entwicklung veranlasst,
so z. B. in den Ausbau der Forschungsanstalten der NASA und reiner militärischer
Forschungsanstalten in der Sowjetunion, Europa und den USA. Sie hat somit eine
absolut dominierende Schrittmacherrolle gespielt. (Kein Triebwerksprojekt ohne
militärischen Hintergrund, hieß es bei General Electric und anderen.) Ein
europäisches Beispiel für ein typisches Rüstungsprojekt ist das
Mehrzweck-Kampfflugzeug Panavia Tornado; in Zusammenhang mit diesem Projekt ist
auch in Deutschland das Know-how in Aerodynamik, Strukturmechanik, Elektronik
und Triebwerken erarbeitet worden, das in der Entwicklung von Verkehrsflugzeugen
(Airbus) eingesetzt werden konnte.
Bedingt durch die hohen Anforderungen an die Wirtschaftlichkeit und
Zuverlässigkeit der Verkehrsflugzeuge (und auch durch die Auflösung der
Machtblöcke), hat aber die Militärtechnik Ende des 20. Jahrhunderts an Bedeutung
verloren.
Verfasst von Dr. Walter Rathjen, Direktor des Deutschen Museums in München.
Veröffentlicht in der Enzyklopädie der Microsoft Encarta 97.
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